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Interview im Online-Magazin Face2Face

[Interview mit Julien Ferrat und Sarah Hermes vom 19. Dezember 2011]

 

„Uni-Politik hört nicht im AStA auf!“

 

 

2008 wurde die Linke.SDS als politische Hochschulgruppe an der Uni Mannheim gegründet. Face2Face sprach mit zwei Mitgliedern der Studentenorganisation – mit der Germanistik- und Philosophie-Bachelorstudentin Sarah Hermes (20) und dem Französisch- und Philosophie-Lehramtsstudenten Julien Ferrat (20) über Probleme im Universitätsalltag, Entwicklungen an der Uni Mannheim und generell über politische Teilhabe von Studenten an der Hochschulpolitik.

 

Face2Face: Könnt ihr unseren Lesern kurz und knapp erklären, für was die Linke.SDS steht?

Hermes: Unsere Schwerpunkte liegen in sozialer Gerechtigkeit und individueller Freiheit, wir fordern eine ökologische Uni und wollen kritische Wissenschaften, die ihren Namen auch verdienen.

Ferrat: Generell vertreten wir eine alternative Wirtschaftspolitik, die sich an den Menschen und nicht an den Märkten orientiert.

 

Face2Face: Was passiert denn gerade so?

Ferrat: Mit der Abschaffung der Studiengebühren ist ein Schritt in die richtige Richtung getan. Aber es gibt noch viel zu tun! Problematisch ist weiterhin zum Beispiel der Übergang vom Bachelor-Studium zum Masterstudiengang. In Mannheim ist die einzige Fakultät, die ausreichend Masterstudienplätze zur Verfügung stellt, die Fakultät für BWL.

Hermes: Im Gegensatz dazu bietet die Philosophische Fakultät kaum Masterplätze an.

Ferrat: Ja, die wenigen Masterabschlüsse an der Philosophischen Fakultät entfallen nahezu allesamt auf den Studiengang Kultur und Wirtschaft.

 

Hermes: Aber auch andere Entwicklungen stören uns. Die Semestertickets werden zum Beispiel immer teurer!

Ferrat: Das Problem ist hier, dass das Studentenwerk die Interessen der Studenten in Verhandlungen mit dem Verkehrsverbund Rhein-Neckar, kurz: VRN, nicht besonders vorbildlich vertritt. Und die Nahverkehrsverbindungen in Mannheim lassen auch zu wünschen übrig. Einige Studentenwohnheime sind zu gewissen Tageszeiten kaum zu erreichen.

Hermes: Das ist das nächste Problem: die Studentenwohnheime. Durch die doppelten Abiturjahrgänge kommen in den nächsten Semestern viel mehr Studienanfänger an die Unis als in den Jahren zuvor. Um allen Studierenden eine Wohnung zu vermitteln, haben wir vorgeschlagen, leerstehende US-Kasernen anzumieten. Das Studentenwerk hat das abgelehnt.

Ferrat: Begründet wurde das damit, dass die US-Liegenschaften zu weit von der Uni entfernt wären – was totaler Unfug ist. Die „Turley“-Barracks oder die „Hammond“-Barracks sind näher an der Uni beziehungsweise an anderen Hochschulen gelegen, als zum Beispiel die Wohnheime im Ulmenweg. Außerdem wird dann immer vor leerstehenden Wohnungen gewarnt – das ist ein Totschlagargument: Allein dieses Semester wurden 3.000 Studierende vom Studentenwerk mangels ausreichender Kapazitäten abgewiesen. Da nächstes Jahr der doppelte Abiturjahrgang kommt, ist diese Angst in keiner Weise begründet. In Heidelberg hat das dortige Studentenwerk übrigens genau diesen Schritt ergriffen und Kasernen angemietet.

 

Face2Face: Welche Möglichkeiten existieren denn für eine Hochschulgruppe überhaupt, etwas am Hochschulalltag zu ändern?

Ferrat: Unser Credo ist: Uni-Politik hört nicht im AStA (Anm. d. Red.: AStA meint den Allgemeinen Studierendenausschuss, ein politisches Studentengremium an deutschen Universitäten) auf! Der ist zurzeit finanziell sowieso leider nur schwach aufgestellt. Auch wenn sich das in nächster Zeit ändern wird: Die wirklich wichtigen Entscheidungen für das Studentenleben fallen weiterhin im Senat, im Landtag und in den Gemeinderäten. Leider weisen der Senat und der Landtag sehr starre Strukturen auf, aber im Mannheimer Gemeinderat haben konkrete gute Ideen unabhängig vom Antragsteller durchaus Chancen umgesetzt zu werden.

 

Face2Face: Warum ist die Wahlbeteiligung an den Universitäten so gering? Kann man überhaupt von einem repräsentativen AStA sprechen, wenn an einigen Unis nicht einmal jeder Zehnte wählt?

Ferrat: Alle Studierenden sind aufgefordert, wählen zu gehen. Dem kommen leider dennoch jedes Jahr zu wenige nach. Wie man das ändern kann, ist schwer zu sagen.

Hermes: Man kann den Leuten aber auch keinen Vorwurf machen. Die politischen Hochschulgruppen in Mannheim machen sehr wenige Informationsveranstaltungen – wie soll da jemand wissen, für was die stehen? Ist doch klar, dass dann die Motivation ausbleibt.

 

Ferrat: Ein Problem an der Uni-Politik ist sicherlich auch der AStA selbst. Die Sitzungen sind zwar hochschulöffentlich, werden aber nicht angekündigt. Da wird eine ziemliche Geheimniskrämerei betrieben.

Hermes: Auch Studenten, die keiner politischen Hochschulgruppe angehören, sollten wissen, worüber dort geredet wird. Wenn die Studenten nicht wissen, was der AStA so treibt, kann von einer echten Interessenvertretung kaum die Rede sein.

 

Face2Face: Was sind konkrete Probleme an der Uni Mannheim?

Ferrat: Vor allem die sogenannte Profilschärfung ist problematisch. In den letzten Jahren wurden viele Studiengänge abgebaut, etwa Geographie, Technische Informatik und Rechtswissenschaften auf Staatsexamen. In Mannheim ist alles immer sehr auf die Wirtschaft konzentriert. Die Wirtschaftsstudiengänge selbst sind dann sehr arbeitgeberlastig. So kommen volkswirtschaftliche Inhalte in den BWL-Studiengängen kaum vor. Dabei sollten Betriebswirte doch dringend begreifen, wie die Volkswirtschaft funktioniert. Auch bedenklich finde ich, dass BWL-Studenten die Veranstaltung „Unternehmensethik“ ganz einfach umgehen können, indem sie ein Auslandssemester einschieben.

 

Face2Face: Was sind eure Ansätze, um Probleme in der Universitätslandschaft zu lösen?

Hermes: Statt immer weiter einzuschränken, sollte auf Breite gesetzt werden! Viele Studiengänge bestehen aus reiner Wissensreproduktion, da kommt eine Paukklausur nach der anderen. Die Selbstentfaltung bleibt hier dann absolut außen vor. Die Prüfungsordnungen und allgemein das Studium müssen dringend entschlackt werden.

 

Face2Face: Stichwort Bildungsstreiks: Die Studiengebühren sind abgeschafft und schon wird in Mannheim nicht mehr gestreikt. Sind die Probleme des Bologna-Prozesses (Anm. d. Red.: „Bologna“ ist der Ursprung der Bachelor-/ Master-Studiengängen) hier vergessen worden?

Ferrat: Momentan ist es schwierig, die Leute zu mobilisieren. Die Studiengebühren waren ein Thema, welches die Landesregierung angehen konnte. Um den Bologna-Prozess abzufedern und humane Rahmenbedingungen für das Studium zu schaffen, sollte vor allem stärker an die Universitäten appelliert werden.

Hermes: Der Bildungsstreik in diesem Jahr war deswegen wohl auch eher ein Schülerstreik.

Ferrat: Wie bei jeder anderen Protestgeschichte ist irgendwann der Wille einfach verbraucht. Problematisch ist hier auch einfach der Zeitaspekt: Viele Bachelorstudenten stehen in ihrem Studium so hohen Anforderungen gegenüber, dass sie kaum Zeit finden, sich in irgendeiner Form zu engagieren.